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Das eigene Auto abschaffen

Das eigene Auto abschaffen

Das eigene Auto abschaffen, sagt sich sehr leicht für mich – ich hatte nie eins. Da ich selber also keine Erfahrung damit habe, wie es mir mit dieser Veränderung ergehen würde, habe ich einen guten Freund gebeten einen Gastartikel zu schreiben. Und so will ich euch gar nicht mit weiterer Vorrede aufhalten sondern wünsche euch viel Spaß mit dem spannenden Erfahrungsbericht von Hans:

Warum ich kein eigenes Auto brauche

Um die Frage zu beantworten, warum ich glaube, kein eigenes Auto zu brauchen, muss ich zunächst einmal erklären, warum ich mal glaubte, eines zu brauchen.

Ich ergriff damals die Möglichkeit, meinen Eltern ihr Auto, einen VW Polo, abzukaufen. Neben der Lösung meines Pendelproblems (Vollzeitbeschäftigung in Tübingen, Nebentätigkeit im 30km entfernten Nürtingen) ergaben sich viele weitere Vorteile wie regelmäßige Ausflüge in die Umgebung und eine deutlich schnellere Anreise zum Stuttgarter Flughafen, was mir bei meiner Fernbeziehung nach Berlin auch sehr entgegenkam. Zugegeben, für viele dieser vermeintlichen Vorteile hätte es auch andere ähnlich bequeme Lösungen gegeben, doch dazu später.

Als ich aus Tübingen weg nach Berlin zog, habe ich mein Auto wie selbstverständlich mitgenommen. Schließlich hatte ich mich an den Komfort eines eigenen Autos gewöhnt. Allerdings dauerte es in Berlin nicht sehr lange, bis mir die Nachteile eines eigenen Autos in einer Großstadt mit einem sehr gut ausgebautem Nahverkehrssystem und auch vielen weiteren Alternativen zum eigenen Auto deutlich wurden. Mein Auto stand zunehmend wochenlang ungenutzt herum, da ich fast alles mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr erledigen konnte. Wenn ich es mal nutzte trieb mich die ewige Parkplatzsuche in den Wahnsinn. Schließlich führte es dazu, dass ich mir die gleiche Frage, die ich mir drei Jahre zuvor in Tübingen gestellt hatte, nochmals stellte: Brauche ich wirklich ein eigenes Auto? Emotional fiel es mir doch sehr schwer, mich von meinem Auto und der damit verbundenen Flexibilität und Freiheit zu trennen. Als Ökonom blieb für mich daher nur die Schlussfolgerung, dass ich ausrechnen muss, was mich diese Flexibilität und Freiheit kostet und ob ich bereit bin diesen Betrag dafür zu zahlen.

Rechnet sich ein eigenes Auto?

In einem ersten Schritt habe ich ausschließlich die Unterhaltskosten berechnet, das heißt KfZ-Steuer, Versicherungszahlungen sowie die anfallenden Kosten für Wartungen und Reparaturen. Das Ergebnis überraschte mich dann doch etwas. Insgesamt habe ich im Jahr 1.320 Euro für mein Auto ausgegeben ohne auch nur einen einzigen Kilometer damit gefahren zu sein.

In einem zweiten Schritt habe ich recherchiert, was mich Car-Sharing kosten würde. Im Unterschied zu Tübingen gab es in Berlin bereits 2014 eine Reihe von Anbietern mit unterschiedlichen Car-Sharing-Konzepten, die seitdem auch noch stetig gewachsen sind. Ich habe mich zunächst für einen stationären Car-Sharing-Anbieter entschieden, das heißt die Autos stehen einem an bestimmten Stationen zur Verfügung und man muss sie auch dort wieder abgeben. Der Anbieter, für den ich mich schließlich entschieden habe, hatte in dem von mir gewählten Tarif keine Jahresgebühr. Mit jährlich 50 Euro konnte man aber die Selbstbeteiligung im Schadensfall von 1.000 Euro auf 200 Euro reduzieren. Weitere Kosten kommen lediglich bei der Nutzung der Autos auf. Diese setzen sich aus einem Zeit- und einem Kilometerpreis zusammen.

Bei einem Auto in vergleichbarer Größe zu meinem eigenen Auto bedeutete dies, dass ich mir zwei Mal im Monat für einen ganzen Tag ein Car-Sharing-Auto nehmen und jeweils etwa 250 km fahren könnte bevor mein eigenes Auto günstiger wäre. Diese Rechnung ist dabei sehr vereinfacht, da sie weder den Wertverlust meines eigenen Autos, noch andere Tarife beim Anbieter, die für Vielnutzer deutlich günstiger sind, berücksichtigt. Zudem habe ich die Rahmenbedingungen (angenommener Verbrauch (6,0 l/100 km), Benzinpreis (1,10 €/l, und Mietdauer (1 h/10 km)) die Option eigenes Auto begünstigt. Dies sollte verdeutlichen, dass die Rechnung in der Realität eher noch stärker zugunsten von Car Sharing ausfallen würde. Anbei ein kleines tabellarisches Rechenmodell.

Annahmen zur Tabelle: Hier werden meine Ausgaben beim eigenen Auto mit meinem CarSharing Tarif verglichen. Andere Tarife bzw. Anbieter können zu höheren oder niedrigeren Kostensätzen führen. Da ich das Car-Sharing-Auto häufig für längere Fahrten ins Umland nutze, habe ich ein recht hohen „Stundenverbrauch“ mit einer Stunde für zehn gefahrene Kilometer. Auch hier kommt man möglicherweise mit Tagestarifen etc. günstiger hin.

Mobil sein ohne eigenes Auto

Nachdem ich mich schweren Herzens von meinem eigenen Auto getrennt habe, nutze ich mittlerweile neben dem stationären Car-Sharing-Modell auch ein nicht stationäres Car-Sharing-Modell. Letzteres hat den Vorteil, dass die Autos innerhalb des Geschäftsgebietes verteilt stehen und man sich bei Bedarf via App ein freies Auto in der Nähe sucht und es am Zielort einfach wieder abstellt. Dieses System ist zwar etwas teurer als die stationären Modelle, hat aber den Vorteil, dass man das Auto überall innerhalb des Geschäftsbereichs wieder abgeben kann und es nicht wieder zu einer Station zurück bringen muss. Somit nutze ich für weitere Fahrten insbesondere ins Umland, das günstigere stationäre System und für Fahrten innerhalb Berlins das nicht stationäre Modell.

Für mich hat Car Sharing auch dazu geführt, dass mir die Kosten einer Autofahrt deutlich bewusster sind. Beim eigenen Auto bin ich meist einfach losgefahren und habe mir meist auch über die Benzinkosten wenig Gedanken gemacht. Jetzt überlege ich mir, ob das Auto tatsächlich die beste Option ist, oder ob ich nicht günstiger und teilweise sogar ohne Zeitverlust mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr an mein Ziel komme. Dies hat zur Folge, dass ich das Auto nur sehr selten benutze und dies meist, wenn ich viele oder schwere Gegenstände transportieren muss. Dies sind innerhalb Berlins vor Allem Fahrten zum Recyclinghof oder zu Freunden. Letztendlich hat sich das Car-Sharing-System auch in spontanen Notsituationen bewährt. Als aufgrund eines Sturms meine Frau aus Hamburg nicht mehr nach Berlin kam, konnte ich ein Car-Sharing-Auto ausleihen und sie dort abholen.

Habe ich Freiheit aufgegeben oder sogar gewonnen?

Insgesamt hat sich für mich herausgestellt, dass ein eigenes Auto zwar viel Flexibilität und Freiheiten gibt, dies aber zu einem sehr hohen Preis erfolgt. Mit Car Sharing gibt es eine sinnvolle Alternative, die kostengünstiger ist und man befreit sich auch von den Verpflichtungen, die mit einem eigenen Auto auf einen zukommen. Zudem kann man über Car-Sharing für jede Gelegenheit, beispielsweise Möbeltransporte, das passende Auto mieten und viele Car-Sharing-Anbieter sind in mehreren Städten vertreten. Letzteres erhöht die Flexibilität, da man für lange Strecken bequem den Zug nutzen kann und sich einfach am Zielort ein passendes Auto holt. Nicht stationäre Systeme haben außerdem den Vorteil, dass man die Autos auch nur für eine Strecke nutzen kann oder spontan ein Auto ausleihen kann, wenn es beispielsweise zu Ausfällen im öffentlichen Nahverkehr kommt. Auch wenn es nicht mein Hauptkriterium war, so ist es doch auch das ökologisch nachhaltigere Modell, da man sich besser überlegt, wann man wirklich ein Auto benötigt und dasselbe Auto von mehreren Personen genutzt werden kann.

Rückblickend betrachtet wäre eine Lösung ohne eigenes Auto auch in Tübingen die kostengünstigere Option gewesen ohne einen deutlich höheren Zeitaufwand in Kauf nehmen zu müssen. Eine Car Sharing Option gab es in der Nähe meiner Wohnung und für die Flughafenfahrten hätte man auch einen Fahrservice in Anspruch nehmen können. Ob ich mich heute in Tübingen für die CarSharing-Lösung statt dem eigenen Auto entscheiden würde ist schwer zu beantworten. Ich vermute mal, dass ich mich tatsächlich anders entscheiden würde und CarSharing wählen würde, kann aber nicht ausschließen, dass auf die Dauer die Bequemlichkeit gesiegt hätte.

Beim Schreiben dieses Beitrags sind mir aber nochmal ein paar Dinge bewusst geworden. Für meine Situation ist Car Sharing eine sehr gute Alternative zum eigenen Auto. Dies liegt vor Allem daran, dass Berlin nicht nur ein sehr gut ausgebautes Nahverkehrssystem hat, sondern laut Carsharing News das mit Abstand größte Angebot an CarSharing-Angeboten hat, die auch noch durch Sharing-Angebote für Elektroroller und Fahrräder ergänzt werden. Mittlerweile existiert aber auch in anderen Großstädten ein gutes bis sehr gutes Angebot an CarSharing-Modellen. Insbesondere in Klein- und Mittelstädten ist es allerdings möglich, dass man entweder keine Anbieter findet oder die Infrastruktur der vorhandenen Anbieter recht klein ist. Dies macht das eigene Auto wieder attraktiver. Zudem ist man weiterhin auf ein eigenes Auto angewiesen, wenn man in Vororten oder auf dem Land lebt und es gar keine Angebote gibt.

einfache Veränderungen: Teil 2 – Mobilität

einfache Veränderungen: Teil 2 – Mobilität

Weiter gehts mit 3 einfachen Tipps zur Mobilität, natürlich wieder alltagstauglich, gesund, nachhaltig und zum Geld sparen.

  1. Zu Fuß gehen und Rad fahren: entschleunigt, denn man braucht etwas mehr Zeit, aber man hat auch direkt Bewegung an der frischen Luft und muss nicht auf dem Laufband im Fitness-Studio schwitzen 😉
  2. Treppe statt Aufzug nehmen, macht fit
  3. Abo für den öffentlichen Nahverkehr anschaffen. Was man hat, nutzt man auch. Wenn das alle täten gäbe es in den Städten auch weniger Stau!

Für Fortgeschrittene:

  1. Auto verkaufen: Wenn man kein eigenes Auto hat spart man echt viel Geld, dafür kann man viel Taxi/Car-Sharing Auto/Zug fahren und sich dabei sehr dekadent fühlen 🙂
  2. Fahrrad-Korb oder -Taschen anschaffen: damit kann man den Wocheneinkauf für zwei bis drei Personen auf jeden Fall locker erledigen.
  3. Mit dem Zug in den Urlaub statt fliegen: der Weg ist das Ziel, warum nicht Freunde besuchen und dort einen Stop einlegen? Oder in einer Stadt, die ihr immer schon mal sehen wolltet?